Veröffentlicht am Mo., 25. Apr. 2022 12:38 Uhr

„Kirche 2032 ist....“ Zum Transformationsprozess im Ev.Kirchenbezirk Überlingen-Stockach

Vor fast 2000 Jahren hat der Apostel Paulus die Purpurhändlerin Lydia, die erste Frau auf europäischen Boden in Phillipi, getauft. In ihrem Haus entstand eine kleine christliche Gemeinde. Unscheinbar und doch mit großer Kraft. Und diese Kraft brauchte nicht viele Ressourcen, wie man heute so schön sagt, sie brauchte nicht viel Geld, keine großen Gebäude und keine hauptamtlich Angestellten. Sie brauchte aber Osterglauben, vom Geist getriebene Menschen, Gemeinschaft und Liebe zum Nächsten. 

Wenn wir heute auf den Wandel unserer Kirche sehen, mag man sich als Kirchenmensch gern in ein Mauseloch verkriechen und hoffen, dass alles nicht so schlimm würde. Aber das Mauseloch ist kein Ort für uns Christen. Wie Lydia und Paulus gehören wir hinaus in die Welt, auf die Strassen und in die Häuser zu den Menschen, die uns brauchen. 

„Kirche 2032 ist...“ - das ist eine gute Nachricht! Kirche wird nicht nicht sein. Ja, sie wird anders sein, kleiner und sparsamer in äußeren Dingen. Aber nicht sparsam am Heiligen Geist, an Nächstenliebe und Hoffnung. 

Bei unserer Zukunftswerkstatt haben wir uns auf ein paar wesentliche Aspekte verständigt, die für uns im Bezirk in Zukunft wegweisend sein sollen: 

a. „Gehet hin in alle Welt!“ 

Wir verändern unseren Fokus von der alleinigen "Komm-Kirche“ hin zu einer „Geh-Kirche“! Gemäß Matthäus 28,19: Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

b. „Gemeinschaft der Heiligen“

Uns verbindet uns der Glaube an Jesus Christus. Wir leben dies, indem wir einander im Reden und Handeln annehmen, fördern und uns unterstützen. In Gebet, Gespräch und Tat praktizieren wir unseren Glauben. Unsere Gemeinschaft ist ein Ort, an dem sich Menschen verschiedener Generationen, Milieus und Herkunft respekt- und liebevoll annehmen. Wir vernetzen uns mit anderen und nehmen gemeinsam Verantwortung wahr. 

c. „Kirche für andere“

In unserem Transformationsprozess geht es nicht darum die bestehende Kirche zu erhalten; sondern der Fokus liegt darauf nahe bei den Menschen zu sein, helfend und dienend und zu leben, was Christ sein bedeutet. 

Dazu Dietrich Bonhoeffer aus „Widerstand und Ergebung“: Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. ...Sie muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muß den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, „für andere dazu sein“. 

d. „Wir gehören ohne Unterschied zum Leib Christi“ 

Galater 3,28:  Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Dietrich Bonhoeffer aus „Nachfolge“: „Das Leben Jesu Christi ist auf dieser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Christus lebt es weiter in dem Leben seiner Nachfolger.“  Das Leben Jesu Christi unter uns und in dieser Welt ist kein Gedanke, sondern ein Körper, eine Körperschaft. Paulus spricht vom „Leib Christi“. Das ist die Gemeinde. Jesus Christus ist jetzt im Geist dort anwesend, wo Menschen zusammenkommen, die sich in seinem Namen versammeln.

e. „Als Christen sind wir Salz der Erde“ 

Matthäus 5,13: In der Gesellschaft sind wir als Gemeinschaft der Christen klar erkennbar und mischen uns in die Gesellschaft für Frieden, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung ein

Auf die vier Arbeitsfelder der Kirche angewandt, bedeutet das konkret

 

1.Verkündigung der frohen Botschaft (Gottesdienste und Kausalien)

  • als Kirchenbezirk und Dienstgruppen bieten wir eine Vielfalt an Gottesdienstformen (Traditionelle und moderne Formen, klassische Kirchenmusik und moderne Lieder (Band), Familiengottesdienste, online-Gottesdienste, Regio-Highlights)
  • wir berücksichtigen dabei die Begabungen der Menschen, die die Gottesdienste gestalten (Haupt- und Ehrenamtliche) 
  • wir feiern Gottesdienste und Kasualien auch an „anderen Orten“: draußen; unterwegs;  mit Aktionen, zu Anlässen im Dorf oder in der Stadt
  • unsere Gottesdienste berühren die Menschen, dabei achten wir mehr auf Qualität als auf Quantität 
  • wir sprechen eine für die Menschen verständliche Sprache 
  • Gottesdienste sind auch für „neue“ nachvollziehbar (z.B. durch Moderation)
  • wir gestalten Kausalien nahe an den Menschen (Verständlich, persönlich)
  • Wir nehmen auch außerhalb von Kirche und Gottesdienst das Amt der Verkündigung wahr (Schule, Kita, Unterricht, Medien, Gebäude, Diakonie, Presse etc...) 

2. Diakonie und Seelsorge 

  • wir nehmen die Nöte der Menschen wahr und bieten Hilfe an
  • Seelsorger *innen (Ehren- und hauptamtliche) sind präsent und ansprechbar, sie sind kompetent und gut ausgebildet 
  • wir sind da, wo Menschen uns brauchen (z.B. in Kliniken; in Notfällen)
  • wir besuchen Menschen zuhause 
  • Unsere diakonischen Einrichtungen werden als „Kirche“ wahrgenommen
  • wir sind vernetzt mit anderen caritativen Einrichtungen, Kommunen und Landkreisen 
  • die Menschen wissen, an wen sie sich in Notlagen wenden können (Öffentlichkeitsarbeit/Kirche hat ein Gesicht!) 
  • Kirche mischt sich in gesellschaftlich und politische Themen ein, wenn es darum geht sprachlosen eine Stimme zu geben (Salz der Erde sein) 

3. Bildung/Mission

  • als Kirchen nehmen wir unseren Bildungsauftrag (Matthäus 28,19) wahr. Es ist uns wichtig, über unseren Glauben nachzudenken und zu diskutieren (Verstehst Du, was Du glaubst?) und unser eigenes Profil zu schärfen 
  • Wir beziehen zu  ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen Position und eröffnen Räume für Dialoge und Diskurse zu aktuellen Themen. Strittige Themen und Konflikte bearbeiten wir konstruktiv kritisch
  • mit der örtlichen Bürgergemeinde sind wir gut vernetzt und bringen unsere Themen aus christlicher Perspektive dort ein
  • wir bilden Haupt- und Ehrenamtliche fort und weiter 
  • Wir begegnen Christen aus aller Welt, anderen Konfessionen und beteiligen uns an Interreligiösen Gesprächen 
  • wir arbeiten in Netzwerken zusammen 

4. Gemeinschaft 

  • als Christen vor Ort und weltweit gehören wir als Gemeinschaft zusammen. Diese Gemeinschaft zeigt sich in vielfältigen Formen (Gottesdienste, Kirchcafé, Gebetskreis, Stammtisch etc.) 
  • als Kirche vor Ort fördern wir diese verschiedenen Formen, indem wir Infrastruktur bieten (Räume, Öffentliche Plattformen, usw.), damit Gruppen zusammenkommen können.(z.B.thematische Gesprächsgruppen, Freizeiten, Kreativ- und Bildungsangebote, spezielle Frauen-,  Männer- und Familiengruppen sowie Jugend- und Kinderaktivitäten.) 
  • Als Kirche bieten wir allen Menschen Heimat und sind gleichzeitig offen und gastfreundlich. Hier begegnen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft sowie Religions- und Weltanschauungszugehörigkeit

 

Diese Aspekte umzusetzen bei gleichzeitiger Einsparung von Ressourcen (30% in allen Bereichen; d.h. Personal, Finanzen und Gebäude) wird eine große Herausforderung der nächsten Jahre. Alle Kirchenmitglieder sollen weiterhin vor Ort Ansprechpartner*innen und in erreichbarer Nähe gottesdienstliche Angebote finden können. Aber die klassische Struktur „eine Gemeinde - ein/e ganze/r Pfarrer*in“ wird es nicht mehr geben können. Ein wesentlicher Baustein wird die Bildung von Dienstgruppen sein, in denen Gemeinden und deren Mitarbeiter*innen enger zusammenarbeiten und so Synergien besser nutzen können.  Auch dazu sind schon erste Ideen im zweiten Teil der Zukunftswerkstatt gesammelt worden. Diese müssen in der nächsten Zeit auf „Herz und Nieren“ geprüft und diskutiert werden, bevor das Kernteam des Transformationsprozesses und der Bezirkskirchenrat der Synode im Herbst konkrete Vorschläge zur Beratung vorlegen. 

Gern nehmen wir auch Ihre Rückmeldungen und Gedanken zum Transformationsprozess auf. Melden Sie sich dazu gern im Dekanat! 

Regine Klusmann, Dekanin

Kategorien Infos Bezirkssynode

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